Biologie: Diagnose und individuelle Förderung im Biologieunterricht

Biologie ist ein Unterrichtsfach, zu dessen Inhalten zahllose Alltagsbezüge vorliegen. Zu vielen Konzepten haben Schülerinnen und Schüler bereits Vorstellungen entwickelt, bevor die unterrichtliche Aufarbeitung des entsprechenden Themas beginnt. Als Beispiele seien hier Vorstellungen zur gesunden Ernährung oder Vorstellungen zur Entstehung und Änderung von Lebewesen genannt. Vielfach weichen diese Vorstellungen von der wissenschaftliche Verwendung der Konzepte ab und behindern tiefergehendes Verständnis und den fachspezifischen Erwerb von Kompetenzen. Entsprechend werden solche Konzepte manchmal Fehlvorstellungen genannt.

Eine individuelle Diagnose und eine gezielte individuelle und fachlich fundierte Förderung von Schülerinnen und Schülern kann als ein zukunftsträchtiger und tragfähiger neuer Weg angesehen werden, Kompetenzerwerbsprozesse im Biologieunterricht flankierend zu unterstützen und signifikant zu verbessern. Über Lernausgangslagen hinaus müssen auch biologierelevante individuelle Interessenslagen, Einstellungen und Handlungsbereitschaften berücksichtigt werden.

Damit verbunden sind zwangsläufig auch neue Aufgaben für die Biologielehreraus- und -fortbildung. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich zukünftig noch verstärkter auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen und divergierende Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler einstellen und ihren Unterricht daran anpassen, um individuelle Förderungen optimal gestalten zu können. Eine Steigerung der diagnostischen Kompetenz und die Bereitschaft, individuelle Fördermaßnahmen in den Unterricht zu integrieren, sind dafür unumgänglich.

Hinzu kommt, dass bis zum heutigen Tag für die Diagnostik und individuelle Fördermaßnahmen nur wenige für den Biologieunterricht geeignete didaktische Materialien existieren.

Was wir ändern

Angehende Biologielehrerinnen und -lehrer werden in ihrer universitären Ausbildung mit biologiespezifischen Diagnoseverfahren und Anknüpfungsstellen für individuelle Förderungsmaßnahmen vertraut gemacht. Sie sollen in die Lage versetzt werden, sachgerechte Diagnoseaufgaben und damit korrespondierende individuelle Fördermaterialien zu erstellen und zum Einsatz zu bringen, um damit Lernschwierigkeiten und verständnisbehindernde Schülervorstellungen zu diagnostizieren und im Rahmen individueller Fördermaßnahmen zu verringern oder zu beseitigen. Darüber hinaus sollen die Studierenden aber auch Verfahren verinnerlichen, individuelle Stärken und Begabungen zu erkennen und zu fördern. Die Studierenden sollen eigene Unterrichtsmaterialien und Diagnoseverfahren entwickeln und vorhandene didaktische Materialien hinsichtlich ihrer Eignung analysieren und reflektieren.

Wie wir das erreichen

Es soll ein alltagstaugliches Diagnoseinstrument entwickelt werden, dass es Lehrerinnen und Lehrern auf einfache und schnelle Weise ermöglichst, vorunterrichtliche Vorstellungen zu den relevanten Konzepten wichtiger biologischer Unterrichtsthemen zu ermitteln. Dazu werden zunächst mit Hilfe von Concept Maps (Begriffsnetze als Instrument zur Bestimmung der semantischen Begriffsstruktur) und flankierendem lauten Denken sowie anschließenden Interviews Schülervorstellungen zu zentralen biologischen Begriffen erhoben. Die hierbei erzielten Ergebnisse werden zur Konzeption einfacher, für die alltägliche Verwendung geeigneter Diagnosefragebögen für den Biologieunterricht der Sekundarstufe I herangezogen. Dabei sollen als Distraktoren typische Fehlvorstellungen gewählt werden. Das Instrument wird in permanenter Weiterentwicklung ständig nachjustiert und an aktuelle Bedingungen angepasst werden.

Daneben werden in verschiedenen Veranstaltungen den Biologie-Lehramtsstudierenden die Grundlagen der biologiespezifischen schulischen Diagnose und individuellen Förderung vermittelt und verschiedene Varianten kritisch reflektiert. Zusätzlich konzipieren die Studierenden selbst Diagnoseaufgaben zur Ermittlung von Stärken und Schwächen sowie Vorschläge zur individuellen Förderung. Diese Veranstaltungen werden evaluiert und ständig weiterentwickelt.

Ansprechperson: Prof. Dr. Graf (Biologie)